Warum Freude kein Gefühl ist, das uns zufällt, sondern eine Entscheidung, die wir immer wieder treffen können
Es gibt Phasen im Leben, in denen Freude sich wie eine Zumutung anfühlt. Wenn gerade etwas zerbrochen ist. Das kann eine Beziehung, eine berufliche Sicherheit, eine Zukunft, die man sich vorgestellt hatte sein. Der Satz „Freu dich doch“ klingt dann fast zynisch. Was soll das bringen, wenn die Umstände dagegensprechen?
Genau an diesem Punkt lohnt sich ein genauerer Blick. Denn vieles, was wir „Freude“ nennen, ist tatsächlich abhängig von den Umständen. Es kommt und geht mit dem, was gerade passiert.
Es gibt aber noch eine andere Art von Freude, eine, die nicht auf gute Umstände wartet, sondern die wir aktiv wählen können, selbst mitten in einer schweren Zeit.
Ein altes Beispiel für eine sehr aktuelle Frage
Eines der eindrücklichsten Zeugnisse dafür stammt aus einem der ältesten Texte, die wir kennen: den biblischen Psalmen.
Im 31. Psalm schreibt König David, der vermutlich auf der Flucht vor Verfolgern ist. Zu denen gehört unter anderem auch sein eigener Sohn.
„Ich will jauchzen und mich freuen über deine Gnade.“
Man muss nicht gläubig sein, um zu erkennen, was hier bemerkenswert ist: Ein Mensch in existenzieller Bedrängnis entscheidet sich bewusst für eine innere Bewegung, die nichts mit seiner äußeren Lage zu tun hat.
Er richtet den Blick nicht auf die Gefahr, sondern auf eine innere Quelle. Das ist kein frommer Wunsch, sondern eine psychologisch nachvollziehbare Strategie:
Wer sich ausschließlich auf das Bedrohliche konzentriert, verengt seinen Handlungsspielraum. Wer sich bewusst auch dem zuwendet, was daneben noch da ist, öffnet ihn wieder.
Ich ziehe dieses Beispiel heran, weil es zu meiner eigenen Überzeugung gehört und mich seit Jahren begleitet. Was sich daraus lernen lässt, gilt aber unabhängig davon, ob man diesen Glauben teilt.
Was Freude eigentlich ist
Das Wort „Freude“ leitet sich vom althochdeutschen „frewan“ ab, was so viel wie „froh machen“ bedeutet. Schon sprachlich steckt darin eine Bewegung, kein passiver Zustand, der uns zufällt, sondern etwas, das etwas in uns bewirkt.
Wer sich freuen kann, versinkt nicht vollständig in Sorge oder Angst. Freude erweitert den Blick. Sie bestreitet nicht, dass etwas schwer ist, aber sie erinnert daran, dass es daneben noch mehr gibt: andere Menschen, andere Möglichkeiten, andere Wege. Genau das macht sie zu einer Ressource, gerade dann, wenn eine Situation sich neu sortieren muss.
Wofür wir Freude eigentlich brauchen
Freude ist kein Luxus, sondern ein Stück Orientierung. Wer sie verliert, verliert nicht nur ein gutes Gefühl, sondern auch den Zugang zu dem, was noch möglich wäre.
Das zeigt sich auch bei David: Sein Ausruf richtet sich nicht ins Leere, sondern an ein Gegenüber.
Freude, die trägt ist selten ein Zustand, den man mit sich allein aushandelt. Sie entsteht in Beziehung.
Genau diese Gedanken hat die Psychologie später aufgegriffen: Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, hat dafür den Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ geprägt. Darunter versteht er die Fähigkeit, sich als Teil von etwas Größerem zu erleben, statt isoliert.
Dieses Gefühl der Verbundenheit, mit anderen Menschen, mit der Welt, für manche auch mit einer geistlichen Dimension, ist eng mit Freude verknüpft.
Wo Menschen sich verbunden fühlen, fällt es leichter, auch in schwierigen Phasen wieder Boden zu finden.
Ich habe das in meinem eigenen Leben erfahren müssen. Vor mehr als 30 Jahren haben wir unsere Tochter verloren. Es gab lange Zeiten, in denen ich am liebsten zu Hause geblieben wäre. Was mir half, wieder aufzustehen, war nicht die Erwartung, dass der Schmerz verschwindet. Es war die Überzeugung, dass neben diesem Schmerz noch etwas anderes Platz hat: Verbundenheit, Aufgaben, kleine Momente von Leichtigkeit. Für mich persönlich war mein Glaube dabei eine tragende Kraft.
Anderen hilft an dieser Stelle vielleicht etwas anderes. Familie, die Natur, die Arbeit, eine Gemeinschaft können auch Kraftquellen sein und ein Gefühl von Freude inmitten von Trauer auslösen. Entscheidend ist weniger, woraus die Verbundenheit gespeist wird, sondern dass sie da ist.
Wie sich diese Haltung einüben lässt
Bei David war diese Freude kein Dauerzustand. Er musste sich immer wieder neu für sie entscheiden, mitten in Verfolgung, mitten in eigener Schuld. Genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis: Freude ist kein Gefühl, das man hat oder nicht hat. Sie ist eine Haltung, und Haltungen lassen sich üben.
Drei Ansatzpunkte, die sich in der Praxis bewährt haben:
Sich täglich bewusst machen, dass man nicht allein ist. Das kann der Blick auf eine Freundschaft sein, auf die Familie, auf eine Gemeinschaft, für manche auch auf einen Glauben. Wichtig ist die Erinnerung selbst.
Ein Dankbarkeitstagebuch führen. Nicht als Pflichtübung, sondern als kurze, tägliche Erinnerung daran, dass neben dem, was gerade drückt, auch anderes da ist.
Das Gespräch suchen, wenn die eigenen Gedanken allein nicht mehr weiterhelfen. Das Gespräch mit jemandem, der wirklich zuhört, der spiegelt, was er wahrnimmt, und der gemeinsam mit einem nach einem stimmigen nächsten Schritt sucht.
Freude verändert die äußeren Umstände nicht sofort. Aber sie verändert, mit welcher inneren Haltung wir ihnen begegnen, und das ist oft der erste Schritt zu allem Weiteren.
Wenn Sie merken, dass Ihnen diese Haltung gerade schwerfällt, aber nicht genau wissen, woran das liegt oder warum es Ihnen in Ihrer derzeitigen Situation so schwerfällt: Das finden wir im ersten Gespräch gemeinsam heraus.