← Zurück zum Blog Beratung · Juli 2026

Individualpsychologie einfach erklärt

Was meine Physiotherapeutin über Alfred Adler wusste, ohne es zu ahnen

Individualpsychologie einfach erklärt

Was ein verspannter Nacken über unseren ganz persönlichen Lebensstil verrät.

Mein Nacken ist verspannt. Wieder einmal. Diesmal gehe ich zur Orthopädin und sie verschreibt mir ohne zu zögern eine physiotherapeutische Behandlung.

Ihre Diagnose lautet ungefähr so: „Sitzt zu viel, denkt zu viel, entspannt zu wenig.“

Ich bekomme recht schnell einen Termin in der Therapiepraxis und liege schon ein paar Tage später auf der Liege. Eine junge, energiegeladene Therapeutin arbeitet sich engagiert durch meinen Trapezmuskel. Unwillkürlich erinnert mich das an den Hefeteig, den ich vor ein paar Tagen geknetet habe. Während sie also statt eines Hefeteiges meinen Nacken knetet, plaudern wir über dies und das.

Irgendwann hält sie inne und sagt: „Wissen Sie, was mir auffällt? Sie sagen ständig ‚Ich bin gespannt …‘. Und jedes Mal, wenn Sie das sagen, spannen sich Ihre Muskeln an. Genau hier.“

Ich war baff. Nicht nur, weil sie recht hatte, sondern weil ich tatsächlich oft auf irgendwas gespannt bin. Auf den bevorstehenden Urlaub, das nächste Gespräch, neue Aufträge für das kommende Jahr, auf meine fünfte Enkelin, die bald geboren wird und Vieles mehr.

Durch diese Erkenntnis wird mir klar: Meine Sprache und mein Körper arbeiten zusammen wie die Zahnräder eines Uhrwerks.

Der Mensch als untrennbares Ganzes

Genau an diesem Punkt wird es interessant, denn genau das hat Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie (mehr zu ihm in diesem Artikel), bereits vor hundert Jahren festgestellt.

Deshalb trägt seine psychologische Schule auch diesen Namen. Er klingt etwas sperrig und führt nicht selten zu Missverständnissen. Der Gedanke, der dahintersteckt, leitet sich aus dem lateinischen Wort Individuum ab und bedeutet „das Unteilbare“.

Adler war überzeugt, dass der Mensch sich nicht in Häppchen zerlegen lässt. Das Trio aus Körper, Seele und Geist ist untrennbar miteinander verbunden. Beim Trainieren des Körpers im Gym sind Seele und Geist mit dabei. Der Körper wiederum reagiert auf jeden unserer Gedanken, stellt passende Gefühle her und passt seine Bewegungen entsprechend an. Deshalb weinen wir manchmal vor Freude, zittern vor Angst oder bekommen bei Aufregung einen trockenen Mund.

Genau das durfte ich bei meiner Physiotherapeutin live miterleben. Ich dachte, ich rede nur über meine Gedanken, dabei hat mein Nacken mitgehört und gleich mitgemacht.

Der eigene Stil, mit dem wir durchs Leben stolpern

Adler ging noch einen Schritt weiter. Er behauptete, jeder Mensch entwickle im Laufe seines Lebens so etwas wie einen persönlichen Lebensstil.

Ein ganz eigenes Muster, mit dem wir auf die Welt reagieren, Ziele verfolgen und mit Herausforderungen umgehen. Keine Charakterschablone von der Stange, sondern etwas, das sich früh formt und sich dann durch all unsere Lebensaufgaben zieht. Wir arbeiten, lieben, streiten, bauen Beziehungen, gehen unseren Hobbys nach, immer gemäß diesem Lebensstil. Auch durch unsere Art zu gehen, unsere Kleidung, unsere Art die Mahlzeiten einzunehmen ist der Lebensstil erkennbar. Durch ihn wird die zuvor beschriebene Einheit des Menschen sichtbar.

Mein „Ich bin gespannt …“ ist insofern kein Zufallsfund, sondern fast schon eine Unterschrift. Ein kleines Fenster in meinen ganz persönlichen Stil, mit dem ich mich durchs Leben bewege. Immer ein bisschen auf dem Sprung, immer ein bisschen erwartungsvoll, und mein Nacken zahlt offenbar die Rechnung dafür.

Warum das mehr als nette Wortklauberei ist

Man könnte jetzt sagen: Nette Anekdote, aber was soll’s. Die Sache ist nur die: Wenn Körper, Seele und Geist tatsächlich so eng verzahnt sind, wie Adler das beschrieben hat, dann reicht es eben nicht, nur den Nacken zu massieren oder nur die Gedanken zu sortieren. Wer an irgendeiner Art von Verspannung etwas ändern will, kommt nicht am Gesamtpaket vorbei.

Deshalb schaue ich mir bei einem Gespräch nicht nur das Symptom an, mit dem meine Klienten in die Beratung kommen. Ich erfasse den ganzen Menschen, der da vor mir sitzt.

Alfred Adler hat sich nicht nur mit dem einzelnen Menschen befasst. Denn er wusste, dass dieser Mensch nicht auf einer einsamen Insel lebt, sondern in eine Gemeinschaft eingebettet ist.

Genau das schauen wir uns auch im Gespräch an. Denn die Familienzusammensetzung, die Beziehungen zu anderen, das Umfeld, in dem wir groß geworden sind, prägen unseren Lebensstil entscheidend mit.

Alfred Adler hat dafür den Begriff des Gemeinschaftsgefühls eingeführt. Mit diesem Begriff werden wir uns in einem der nächsten Artikel beschäftigen.

Bis dahin möchte ich Sie zu einer kleinen Übung für zwischendurch motivieren:

Achten Sie diese Woche einmal darauf, welche Redewendungen Ihnen selbst über die Lippen gehen, und achten Sie auch darauf, was sich dabei in Ihrem Körper tut. Vielleicht entdecken Sie ja auch Ihre eigene Version von „Ich bin gespannt …“.

Wenn Sie Lust haben, gemeinsam mit mir einen genaueren Blick auf Ihren eigenen Lebensstil zu werfen, vereinbaren Sie gern ein unverbindliches Kennenlerngespräch.

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