← Zurück zum Blog Orientierung · September 2026

Wenn die Einsamkeit trotzdem bleibt

Einsam trotz voller Termine? Ein Blick mit Alfred Adler und der Schöpfungsgeschichte auf das, was uns wirklich trägt.

Wenn die Einsamkeit trotzdem bleibt

Gerda wirkte auf mich fröhlich und lebensbejahend, als ich sie kennenlernte. Wir kamen schnell ins Gespräch, und so erfuhr ich bald, dass sie seit vier Jahren im Ruhestand und seit sechs Jahren Witwe ist. Sie hat viele Bekannte, ist in mehreren Vereinen aktiv, und das macht ihr sichtlich Freude. Geht man mit Gerda durch ihren Heimatort, wird schnell klar: Man kennt sie hier. Jeder Zweite grüßt.

Bei unserem nächsten Treffen sagte sie, etwas verschämt: „Ich leide unter Einsamkeit. Wenn ich allein zu Hause bin, muss ich oft weinen und fühle mich so allein.“

Ein Gefühl, das älter ist als jede Theorie

Wie kann jemand, der so gut vernetzt ist, sich einsam fühlen? Das ist keine Ausnahme, sondern eine Erfahrung, die ich immer wieder höre und die ich auch selbst kenne.

Während Gerda erzählte, kamen in mir eigene Erinnerungen hoch. Ja, das kenne ich. Bevor ich mit der Lehre Alfred Adlers in Berührung kam, ging es mir ähnlich. Das Gefühl von Einsamkeit inmitten eines eigentlich erfüllten Lebens hat mich oft überfallen, und ich habe es lange nicht verstanden. Wie Gerda hatte auch ich Menschen um mich, Aufgaben, Termine, und trotzdem blieb diese Leere in mir bestehen.

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, hat für diese Erfahrung einen Begriff geprägt, der bis heute nachwirkt:

das Gemeinschaftsgefühl.

Er verstand darunter nicht bloß Geselligkeit oder die Fähigkeit, in einer Gruppe zurechtzukommen. Für ihn war Gemeinschaftsgefühl etwas Tieferes: eine innere Haltung, die den Einzelnen mit anderen und mit dem Leben selbst verbindet. Adler formulierte es einmal so:

„Wer mit den Augen eines anderen sehen, mit den Ohren eines anderen hören und mit dem Herzen eines anderen fühlen kann, der zeichnet sich durch Gemeinschaftsgefühl aus.“

Dieser Satz beschreibt eine Fähigkeit, die weit über Höflichkeit oder Geselligkeit hinausgeht. Es geht um die Bereitschaft, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und das eigene Leben als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen. Genau das war bei Gerda zunächst nicht der Fall. Ihre vielen Kontakte und Aktivitäten gaben ihr zwar Zerstreuung und Freude, aber sie beantworteten nicht die Frage, wozu all das eigentlich diente und wo ihr eigener Platz in diesem Beziehungsgeflecht war.

Ein Garten, in dem alles aufeinander bezogen ist

Die Erkenntnis Adlers, das eigene Leben als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen, lässt mich an die Schöpfungsgeschichte denken. Wer die ersten Kapitel der Bibel liest, findet dort ein Bild, das genau diese Verbundenheit von Anfang an zeigt. Hier wird von einem Garten erzählt, den Gott als ein Beziehungsgefüge angelegt hat. In ihm existieren die einzelnen Geschöpfe nicht einfach nebeneinander, sondern sie sind alle in besonderer Weise aufeinander bezogen. Bäume spenden Schatten und Frucht, Pflanzen ernähren Tiere, Tiere pflegen auf ihre Weise das Gleichgewicht der Pflanzenwelt, und der Mensch bekommt einen Platz mitten in diesem Netz aus gegenseitiger Versorgung. Nichts in dieser Schöpfung ist für sich allein gedacht. Das Gemeinschaftsgefühl bindet alles zusammen.

Mitten in dieser Fülle heißt es an einer Stelle, dass etwas nicht gut sei. Es geht dabei nicht um den Mangel an Nahrung oder um die Frage nach Sicherheit, sondern schlicht darum:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich (Gott) will ihm eine Hilfe machen, die ihm genau entspricht“
(1. Mose 2,18)

Selbst umgeben von einem Garten voller Leben bleibt eine Lücke, die nur ein Gegenüber füllen kann. Diese Beobachtung liest sich wie eine frühe Beschreibung dessen, was Adler Jahrtausende später psychologisch beschrieben hat:

Der Mensch ist von Anfang an auf Beziehung hin angelegt. Allein sein zu müssen wird als Mangel benannt, nicht als neutraler Zustand.

Ein weiteres Detail berührt mich besonders. Es heißt, dass Gott am Abend im Garten umherging und der Mensch seine Stimme hörte. Dieses Bild zeigt eine Nähe, die über bloße Versorgung hinausgeht. Es ist die Nähe eines Gesprächs, eines gemeinsamen Wegs am Ende des Tages. Der Mensch ist von Beginn an auf mehrere Ebenen der Verbundenheit angelegt: auf andere Menschen, auf die Schöpfung, die ihn umgibt, und auf den, der beides ins Leben gerufen hat.

Was daraus für Gerda und für mich folgte

Die Entdeckung des Gemeinschaftsgefühls und der biblische Hintergrund zeigen mir, dass niemand auf einer einsamen Insel bestehen kann. Wir brauchen alle ein Gegenüber, eine Aufgabe, die über das eigene Interesse hinausgeht, und das Gefühl, mit unserem Dasein eine Bedeutung für andere und diese Welt zu haben.

Bei mir waren es die zahlreichen Gespräche mit meiner Mentorin, in denen wir herausgearbeitet haben, wozu mir all meine Aktivitäten und Treffen mit anderen eigentlich dienen sollten. Nicht die Anzahl meiner Kontakte war die entscheidende Frage, sondern ihr Sinn. Darüber hinaus konnte ich zu dem eigentlichen Sinn meines Daseins vordringen und meinen Platz in der Gemeinschaft des Lebens einnehmen.

Mit Gerda ging es in eine ähnliche Richtung. Nicht weniger Aktivität war die Lösung. Ihre Vereine und Bekannten waren ihr wichtig und richtig, und daran sollte sich nichts ändern. Die entscheidende Frage war eine andere: Wofür engagierte sie sich, und wem gab sie wirklich etwas von sich selbst? Zwischen dem Bekanntsein im Ort und dem echten Gesehenwerden liegt ein Unterschied, den viele Menschen erst spät bemerken.

Eine Einladung, nicht ein Anspruch

Wenn der Garten Eden ein Bild dafür ist, dass Beziehung von Anfang an zum Leben gehört, dann ist Einsamkeit nie der natürliche Zustand des Menschen, sondern immer ein Mangel, der benannt und verändert werden darf, so wie Gerda es schließlich getan hat, als sie mir davon erzählte. Das gilt für die zwischenmenschliche Ebene ebenso wie für eine geistliche. Beide Formen von Verbundenheit können sich gegenseitig stärken.

Vielleicht ist genau das der Kern dessen, was Adler mit dem Gemeinschaftsgefühl meinte und was die Schöpfungsgeschichte auf ihre eigene Weise erzählt. Der Mensch ist nicht als einzelnes Wesen gedacht, das für sich allein bestehen soll. Er ist eingebettet in ein Geflecht aus Beziehungen, das ihn hält und dem er selbst etwas beitragen kann.

Wenn Sie sich in Gerdas Geschichte wiedererkennen, wenn Sie spüren, dass Ihnen trotz eines vollen Terminkalenders eine tragende Verbindung fehlt, muss das kein Zustand sein, den Sie allein aushalten müssen. Manchmal genügt ein erstes Gespräch, um wieder Boden unter den Füßen zu finden.

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